Geschichte des ifeu

Die Anfänge – Tutorium Umweltschutz

Die Ursprünge des ifeu-Instituts gehen in die frühen 70er-Jahre zurück. Umweltschutz war spätestens seit der UN-Umweltkonferenz in Stockholm 1972 ein gesellschaftliches Thema, aber konkreter Umweltschutz steckte noch in den Kinderschuhen. Im gleichen Jahr veröffentlichte der Club of Rome die Meadows-Studie „Grenzen des Wachstums“. Die Umweltbewegung begann sich zu formieren.

Was damals weitgehend fehlte, war ökologisch orientierter wissenschaftlicher Sachverstand. Nur wenige wussten anfangs gegen problematische Großtechnologien präzise und schlagfertig zu argumentieren.

In dieser Zeit engagierten sich auch einige Studenten und Doktoranden an der Universität Heidelberg. Bereits 1971 gründeten Professoren – ausgehend von Kolloquien und Seminaren – die „Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz an der Universität Heidelberg“ (AGU). Ungewöhnlich für eine universitäre Einrichtung mischten sich Mitarbeiter der AGU in politisch brisante Themen ein, analysierten die Messergebnisse über Radioaktivität in der Umgebung von Kernkraftwerken oder kritisierten die Emissionen eines Aluminiumwerkes in Ludwigshafen.

Durch größere Fördersummen der VW-Stiftung konnten an der biologischen Fakultät freie Tutorien eingerichtet werden, die den Studenten Entfaltungsmöglichkeiten und Eigeninitiative bieten und der freiwilligen Weiterbildung dienen sollten.

Von besonderer Bedeutung war ein radioökologisches Gutachten des Tutoriums Umweltschutz, das 1978 zum Gerichtsprozess gegen das Kernkraftwerk in Wyhl erstellt wurde. Die Arbeit erregte viel Aufsehen, beurteilte doch das Tutorium die offiziellen radioökologischen Berechnungsgrundlagen und Gutachten im Rahmen von Genehmigungsverfahren als in wesentlichen Teilen falsch.

Die Auseinandersetzungen mit der Universität um das Wyhl-Gutachten waren der Anlass für die Gründung einer Einrichtung, in der unabhängig und repressionsfrei zu den Themen Umweltschutz und Kernenergie gearbeitet werden konnte. Im Herbst 1977 gründeten sieben junge Wissenschaftler und Studenten der Universität Heidelberg das IFEU-Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg, das am 26. April 1978 schließlich als gemeinnütziger Verein in das Register eingetragen wurde. Auf den Namen „IFEU-Institut“ einschließlich des Akronyms bestand damals die Universität, um die Einrichtung von normalen Hochschuleinrichtungen unterscheiden zu können.

Das IFEU war eines der ersten selbstverwalteten Forschungsinstitute in Deutschland. Die Anfangszeit war davon geprägt, dass die Wissenschaftler fast ohne Gehalt arbeiteten und die Erlöse aus Projekten in den Aufbau einer Infrastruktur und in finanzielle Rücklagen flossen. Tatsächlich erhielt das Institut nach einer kurzen Anlaufzeit beachtliche staatliche Forschungsaufträge. Damit konnte es sein Überleben sichern.

Im Jahr 1979 initiierte Richard Ratka eine große Studie beim Bundesminister für Forschung und Technologie über die radioaktiven Emissionen aus dem Sekundärkreislauf von Kernkraftwerken. In dieser Zeit machte das IFEU seine erste Professionalisierungsphase durch, wandelte sich von einem universitären Arbeits- und Aktionskreis in eine ernst zu nehmende Forschungseinrichtung.

Trotz alledem war das IFEU eher ein Arbeitskollektiv mit WG-Charakter. Jeden Mittag wurde gemeinsam gegessen – und gekocht: reihum für ca. 10 bis 15 IFEUler  und natürlich mit frischem und möglichst ökologisch angebautem Gemüse – eine Tradition, die bis heute, zumindest einmal wöchentlich, gepflegt wird.

Ein Bestseller wurde ein kleines unscheinbares Buch über Alternativen der Energieerzeugung bzw. -einsparung: „Das sanfte Energie-Handbuch“, das viele 10.000-mal verkauft wurde. In Bonn stießen die IFEU-Wissenschaftler nicht nur durch die Studien auf Gehör. 1979 wurde Ulrich Höpfner in den wissenschaftlichen Stab des Deutschen Bundestags für die Aufgaben der Enquête-Kommission „Zukünftige Kernenergie-Politik“ berufen, was damals noch eine Besonderheit war.

Der Wechsel in Bonn: ökonomische Krise und inhaltliche Herausforderung

Im Herbst 1982 erfolgte in Bonn mit der neuen Regierung Kohl der politische Wechsel. Das Kernenergiethema, ein wichtiger Schwerpunkt der Arbeit am IFEU, war staatlicherseits noch weniger kontrovers, die Parallelforschung politisch überhaupt nicht mehr gefragt. Am IFEU liefen die Studien zur Kernenergie aus, aber es kamen keine neuen nach.

Durch diese Krise wurden die Wissenschaftler arbeitslos oder bezogen zumindest ein sehr geringes Gehalt. Ohne weitere Aufträge hätte das Institut seinen Betrieb einstellen müssen. Als Rettung für das Institut erwies sich die Bewilligung von Stellen im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, der nach langem Zögern auch der neue CDU-Abgeordnete aus der Gegend und spätere Staatssekretär im Bundesumweltministerium Bernd Schmidbauer zustimmte.

Diese ökonomisch schwierige Zeit war eine Phase der inhaltlichen Umorientierung: Die Themenpalette wurde diversifiziert, nicht mehr hauptsächlich auf Kernenergie ausgerichtet. Die Schwerpunkte wurden inhaltlich vertieft. Ein wichtiges neues Umweltthema war – angestoßen durch die Diskussion über das Waldsterben – die Luftverschmutzung durch Feuerungsanlagen, Kraftwerke und den Verkehr. Dieter Teufel und Ulrich Höpfner wandten sich diesen Fragen zu und traten Ende 1983 in Anhörungen des Bundestages mit entsprechenden Expertisen auf. Es gab erste Überlegungen, wie die Schadstoffemissionen durch den Verkehr schnell und effektiv reduziert werden könnten. Eine der vom IFEU vorgeschlagenen Sofortmaßnahmen war das Tempolimit 80/100; langfristig favorisierte das IFEU den Katalysator, der in den USA schon üblich war, gegen den es aber in der deutschen Wirtschaft erhebliche Widerstände gab. Daneben wurde aber auch die Förderung des umweltfreundlichen Verkehrs, z. B. des öffentlichen Verkehrs, empfohlen.

Mit Auslaufen der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen war neben dem Verkehrsbereich ein weiterer Arbeitsbereich entstanden. Thilo Koch erstellte zusammen mit Florian Heinstein, der als Betriebswirt von nun an die Verwaltung des Institutes leitete, das erste kommunale Abfallwirtschaftskonzept des IFEU-Instituts.

Am Beispiel der Stadt Bielefeld trat die Frage Müllverbrennung oder nicht? auf. Im Gegensatz zu vielen anderen in der öffentlichen Diskussion trat das IFEU damals für einen moderaten Kurs ein und befürwortete die Müllverbrennung unter bestimmten Rahmenbedingungen – konsequente Abfallvermeidung und -verwertung vorausgesetzt. Gutachten von der Stange, was durchaus üblich im Gutachtergewerbe ist, waren verpönt, jede Untersuchung sollte ein Maßanzug sein.

Eine ähnliche Entwicklung ergab sich ab 1996 im Energiebereich. Auch hier verdrängten die konkreten Konzepte für Städte und Kommunen die ursprünglich diskutierten nationalen energiepolitischen Strategien. Der Geograf Achim Schorb, der Ingenieur Jörg Wortmann und später Hans Hertle bauten eine Abteilung auf, die sich mit kommunaler Energieversorgung und Energiemanagement beschäftigten.

Bernd Franke gründete 1983 das „Institute for Energy and Environmental Research“ (ieer) in Washington D.C. Eine kurze Renaissance erfuhr die Radioökologie in der Öffentlichkeit nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl. Plötzlich war das Know-how des IFEU wieder gefragt, mussten Dosisberechnungen und Radionuklidtransfers in der Nahrungskette berechnet werden. In wenigen Wochen wurden 70.000 Exemplare einer von Mario Schmidt geschriebenen Broschüre über das Strahlenrisiko von Tschernobyl verkauft.

Aus dem groß geschriebenen IFEU wurde ein kleingeschriebenes ifeu, was durchaus auch eine neue Sichtweise demonstrierte: Nicht die Schlagzeilen in der Tagespresse waren maßgeblich, sondern die seriöse und trotzdem ökologisch engagierte wissenschaftliche Arbeit. Man verstand sich immer stärker als Forschungseinrichtung und immer weniger als eine Bürgerinitiative.

Die Professionalisierung und der Weg zur GmbH

Mit der Diversifizierung der Themen, der immer häufigeren Umsetzungsarbeit durch Konzepte oder Beratungen meldete das Finanzamt Heidelberg Bedenken an, ob noch alle Arbeiten gemeinnützig seien und von dem e.V. durchgeführt werden können. Dies war letztendlich der Anlass, den Institutsbetrieb nicht mehr von einem gemeinnützigen Verein durchführen zu lassen, sondern von einer GmbH.

In den ersten vier Jahren prosperierte die GmbH ungewöhnlich gut. Die Anzahl der fest angestellten Mitarbeiter wuchs auf knapp 40 Personen. Die gerade erst angemieteten Institutsräume waren wieder zu klein. Das Institut zog erneut um, diesmal in einen zweckmäßigen Bau in der Wilckensstraße, der noch gewisse Erweiterungsreserven bot. Inhaltlich wurden in dieser Zeit zahlreiche neue Themen aufgebaut. Für die Stadt Heidelberg erstellten Mario Schmidt, Jörg Wortmann und Reinhard Six ein großes Minderungskonzept für das Klimagas CO2. Pünktlich zum Umweltgipfel in Rio reagierte die Stadt damals selbstbewusst mit dem Spruch „Rio verhandelt, Heidelberg handelt“.

Nach der Jahrtausendwende wuchs das Institut weiter, baute die Themenvielfalt aus und konzipierte maßgeblich Bausteine einer Energie-, Verkehrs-, Ernährungs- und Konsumwende. Der langjährige Geschäftsführer Ulrich Höpfner übergab die Leitung des ifeu an Markus Duscha und Jürgen Giegrich, die das Institut bis 2014 führten. Dann übernahmen Martin Pehnt, Lothar Eisenmann und Andreas Detzel die Leitung des nunmehr auf über 70 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern angewachsenen Instituts. Martin Pehnt gründete zudem das Berliner Büro, einer wichtigen Säule des ifeu in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs.

Nach wie vor lebt das Institut von seinen Mitarbeitern, von der Kreativität, dem Engagement und dem Idealismus jedes Einzelnen. Diese Eigenschaften lassen sich nicht beliebig delegieren oder teilen.

Was bleibt nach diesen 40 Jahren Institutsgeschichte – außer einigen gelösten Umweltproblemen, aber immer noch vielen offenen inhaltlichen Fragen? Es bleibt, zumindest einmal in der Woche, das gemeinschaftliche Mittagessen und Kochen, das von Verschiedenen schon als Einstellungsvoraussetzung am ifeu kolportiert wurde. Auf jeden Fall bleibt das Selbstverständnis von Forschung und Arbeit, das stark von den ökologischen Erfordernissen einer über ihre Verhältnisse lebenden Menschheit geprägt ist. Wer am ifeu arbeitet, will mehr als Geld verdienen; er oder sie hat Visionen und Ziele, bringt Engagement für eine bessere Umwelt ein, übernimmt Verantwortung. Die Visionen der Einzelnen haben das Institut als Ganzes geprägt. Immerhin, und das ist eine wesentliche Änderung in den 40 Jahren, kann diese Arbeit heute auch Broterwerb sein.

Auszug aus: Schmidt, Mario / Höpfner, Ulrich (Hrsg.), 20 Jahre ifeu-Institut. Engagement für die Umwelt zwischen Wissenschaft und Politik, Braunschweig / Wiesbaden 1998. Aktuelle Ergänzung.

© Fotos: Mario Schmidt (1,2,3), Udo Lambrecht (4)